Die Wikinger in Narsaq Kommune

 
 

Die Wikinger waren die ersten Europäer in Grönland. Am Ende des 10. Jahrhunderts kamen sie von Island hierher und besiedelten drei Gebiete entlang der grönländischen Westküste: Die Ostregion (Østerbygden: Südgrönland), die Mittelregion (Mellembygden: die Gegend um Paamiut) und die Westregion (Vesterbygden: die Gegend um Nuuk). Die Gesellschaft der Wikinger in Grönland – als sesshaft gewordene Siedler ”Nordländer” genannt – hat das gesamte Mittelalter hindurch bestanden, verschwand allerdings in der Mitte des 15. Jahrhunderts aus unbekannten Gründen.

 

Hop til toppen

 

DAS LEBEN DER NORDLÄNDER: WIE IST ES GEWESEN ?

 
 

Die Nordländer waren keine homogene Gruppe, sondern ganz im Gegenteil eine streng hierarchische Gesellschaft, deren soziale Struktur sich noch heute aus ihren hinterlassenen Ruinen ablesen lässt:

 

Oben am Ende der Fjorde, auf weiten grasbewachsenen Ebenen, wohnten die Großbauern mit ihren Familien, dem Gesinde und einem großem Viehbestand.

Im Hinterland, wo die Bodenverhältnisse nicht so üppig waren, wohnten die Kleinbauern, die sich zusätzlich durch Jagd ernähren mussten.

Ganz draußen an der felsigen Küste wohnten diejenigen Kleinbauern, die völlig auf die Jagd und den Fischfang auf offenem Meer als ihre wichtigsten Ernährungsquellen angewiesen waren.

 

Die Anwesen der Großbauern waren große Hofanlagen, die sich über ein weiteres Terrain erstreckten. Sie hatten ein großes Wohnhaus – das Langhaus – mit mehreren Räumen; daneben geräumige Ställe für verschiedene Haustiere und entsprechend Platz zur Futteraufbewahrung, und darüber hinaus Vorratskammern und weitere Lagerplätze. Auch Kirchen konnten zu diesen Höfen gehören.

Die Anwesen der Kleinbauern waren konzentriert (= zentralisiert), mit Stall, Wohnhaus und Lagerraum unter einem Dach.

 

Die Gebäude sind aus Torf und Stein errichtet; die Wohnräume oftmals innen mit Brettern verkleidet. Die Wirtschaftsgebäude sind aus Stein – zuweilen kommt aber, je nach Wärmebedarf, auch hier Torf zum Einsatz: So haben Kuhställe dicke Torfmauern; Vorratsräume sind dagegen oft ausschließlich aus Stein.

 

Frühere Forscher fassten den Wohnhaus-Typ des Langhauses als älter und den zentralisierten Hof als jünger auf. Ihrer Ansicht nach war der zentralisierte Hof das Ergebnis einer Klimaverschlechterung, die ein Zusammenrücken notwendig machte, um die Wärme zu halten. Heute werden die Hoftypen dagegen als sozial bedingt angesehen. Nichtsdestotrotz können einzelne Langhäuser tatsächlich ”zentralisiert” worden sein (und einige der Wirtschaftsgebäude dabei aufgegeben), was dann in der Tat als das Ergebnis einer Klimaverschlechterung gedeutet werden kann.

 

Hop til toppen

 

LEBEN AUF DEM BAUERNHOF IM MITTELALTERLICHEN GRÖNLAND

 
 

Die Nordländer waren im besten Sinne Bauern, und es war genau diese Form des Daseins, die sie unter großen Mühen und mit harter Arbeit von Island nach Grönland zu übertragen suchten.

 

Diejenigen, die auf den fruchtbaren und geräumigen Ebenen an den oberen Fjorden siedelten, konnten mit Weidewirtschaft und Heuernte einen größeren Viehbestand sowie kleinere Bestände an Schafen und Ziegen ernähren.

Eine schwere Aufgabe: Für die Ernährung einer Kuh benötigte man pro Jahr etwas über 4 t Heu, und ca. 200 Tage im Jahr mussten sie im Stall gehalten werden. Ein mittelgroßer Hof mit beispielsweise 15 Kühen und 50 Schafen benötigte somit 90 t Heu pro Jahr! Dieses wurde u.a. durch Almwirtschaft gewonnen.

 

Weniger gut situierte Kleinbauern mussten ihren Haushalt mit Fischfang und Jagd aufbessern – sowohl an Land als auch auf dem Meer.

 

Hop til toppen

 

WARUM VERSCHWANDEN DIE NORDLÄNDER ???

 
 

Das Dasein der Nordländer in Grönland war eine Gratwanderung zwischen Kultur und Natur. Selbst kleine Veränderungen konnten Probleme bereiten.

Die Nordländer durchlebten eine Klimaverschlechterung: Es wurde kälter in Grönland während ihrer Zeit. Gleichzeitig wuchsen die Steuerforderungen von Kirche und Krone in Norwegen. Vielleicht brach aber auch die Verbindung mit Skandinavien ab, was zum Ausfall so lebensnotwendiger Lieferungen wie Bauholz und Eisen führte. Vielleicht war die Bevölkerung so stark gewachsen, dass die Lebensmittelproduktion nicht mehr ausreichte – oder aber die Natur überansprucht wurde. Vielleicht .... Es wird noch immer geforscht!

 

Es sei angemerkt, dass die Nordländer ja Bauern waren, die ihren Haushalt mittels Jagd ergänzten – sie jagten die gleichen Tiere wie die Eskimos. Wenn sie in Krisenzeiten ihren Haushalt nicht völlig auf die Jagd umstellten, kann das damit zusammenhängen, dass ihre Jagdgeräte und Jagdtechnik denen der Eskimos weit unterlegen waren.

 

Hop til toppen

 

BEGEGNUNGEN DER NORDLÄNDER MIT DEN ESKIMOS

 
 

Aus Funden in den Eskimoruinen kann man ersehen, dass Verbindungen zwischen den Eskimos und den Nordländern bestanden haben, aber wie viel Kontakt es gegeben hat, ist schwer zu sagen.

 

Früher hat man gewaltsame Übergriffe der Eskimos für das Verschwinden der Nordländer verantwortlich gemacht, aber derartige Theorien können nun widerlegt werden. Die Nordländer sind nicht verschwunden, weil die Eskimos sie ausgerottet hätten. So einfach kann ihr Verschwinden, wie oben gesehen, nicht erklärt werden.

 

Hop til toppen

 

RELIKTE DER VERGANGENHEIT: WAS SEHEN WIR HEUTE ?

 
 

Heute sind in der Ostregion der Nordländer, die die drei Kommunen Narsaq, Qaqortoq und Nanortalik umfasst, vom Grönländischen Nationalmuseum etwas über 400 Anlagen registriert. Eine Registrierung bedeutet lediglich, dass der betreffende Ort erfasst ist und als Ruine angenommen wird. Es bedeutet nicht unbedingt, dass die Anlage auch ausgegraben ist, oder man sich überhaupt sicher sein kann, dass es sich um eine Ruine handelt.

Die Liste der Registrierungen wird ständig erweitert. Die Entdeckung neuer Anlagen soll deshalb dem zuständigen Museum gemeldet werden.

 

Die Nordländerruinen in Narsaq Kommune können datiert werden von der Zeit der ersten Landnahme am Ende des 10. Jahrhunderts bis hin zum Verschwinden der Nordländersiedlungen in der Mitte des 15. Jahrhunderts.

 

Die skandinavischen Grönländer haben seit mehr als 250 Jahren im Mittelpunkt von Untersuchungen und Ausgrabungen gestanden. Die Ergebnisse dieser umfangreichen Forschung können wir hier nicht referieren, dafür aber einige zentrale Untersuchungsbereiche vorstellen.

 

Hop til toppen

 

FORSCHUNG: WOHER HABEN WIR UNSER WISSEN ?

 
 

Der erste, der die Hinterlassenschaften der Nordländer archäologisch untersucht hat, war der norwegische Pastor Hans Egede. Er segelte im Jahre 1723 an der Südküste Grönlands entlang und hoffte eigentlich, dort auf Nachkommen der christianisierten Nordländer zu treffen. Er hat – u.a. in der Kirche von Hvalsø – Ausgrabungen vorgenommen, ohne sich jedoch darüber im Klaren zu sein, dass er sich bereits mitten in der Ostregion der Nordländer befand, vermutete er diese doch an der grönländischen Ostküste.

 

Fast 100 Jahre lang konzentrierten sich daraufhin die Untersuchungen und die Suche nach der Ostregion und ihren Christenmenschen auf die Ostküste, bis man schließlich erkannte, dass die gesuchte Region in Südwestgrönland lag, und dass zudem eine Systematisierung der bislang gesammelten Informationen ganz ratsam sei. Diese Erkenntnis machte sich denn auch in der Feldarbeit bemerkbar.

 

Gustav Holm untersuchte im Jahre 1880 den ”Bezirk Julianehåb” und beschrieb dabei 40 Anlagen wissenschaftlich (insgesamt ca. 400 Ruinen). Diese Arbeit wurde 1894 fortgeführt von Daniel Bruun, der 83 Anlagen besuchte. Er führte das Nummerierungssystem ein, das auch heute noch benutzt wird.

 

Seit den zwanziger und vor allem in den dreißiger Jahren waren viele archäologische Untersuchungen im Gange, die jedoch durch den Krieg unterbrochen wurden. Danach wurde die Arbeit hauptsächlich durch Einzelpersonen fortgeführt, wie beispielsweise C. L. Vebæk, der u.a. den Landnahmehof in Narsaq untersuchte.

 

Als in den sechziger Jahren die grönländische Gesellschaft großen Entwicklungsschüben ausgesetzt wurde, intensivierte man auch den Denkmalschutz, und die Anzahl der registrierten Nordländeranlagen verdoppelte sich fast. Auch der Ansatz der Untersuchungen änderte sich jetzt. Zuvor hatte man sich immer nur auf die großen, ”klassischen” Höfe und Kirchenkomplexe konzentriert; jetzt sah man verstärkt auch auf die bescheideneren Anlagen sowie auf die Kulturkontakte zwischen den Nordländern und den Eskimos. Auch wird die Arbeit zusehends interdisziplinär.

 

Hop til toppen

 

NORDLÄNDERRUINEN IN DER NÄHE DER STADT NARSAQ

 
 

Es gibt in unmittelbarer Nähe der Stadt Narsaq 3 Nordländeranlagen:

 

Ø 17 a bei der ”Royal Greenland”-Fabrik,

Ø 17 auf dem Friedhof,

Ø 18 ”Dyrnæs”.

 

Ø 17 a: Landnahmehof

Der Landnahmehof liegt hinter der Krabbenfabrik ”Royal Greenland”, und damit in unmittelbarer Nähe zum Kulturhaus A-21, wo auch die Nordländer-Ausstellung des Museums zu sehen ist. Die Anlage umfasst ca. 10 Gebäude – sicher auch mehr, da bestimmt einige im Laufe der Zeit ins Meer gestürzt sind. Nur die Ruine des Wohnhauses ist ausgegraben.

 

Es handelt sich dabei um ein Langhaus: Ursprünglich hatte es nur einen Raum, später wurde es nach beiden Seiten verlängert. Es liegen mehrere Kanäle im Haus, sowohl zur Entwässerung eingesickerten Regenwassers aus den Räumen als auch zur Wasserversorgung. Mit anderen Worten: Es gab in diesem Haus fließend Wasser.

 

Eine ganze Reihe interessanter Gegenstände sind hier gefunden worden, darunter ein kleiner Stab mit Runeninschrift. Die Runen, die hier benutzt werden, sind die ältesten, die man in Grönland gefunden hat – ungefähr aus dem Jahr 1000. Einige dieser Gegenstände sind in der Nordländer-Ausstellung des Museums im Kulturhaus A-21 zu sehen.

 

Ø 17: Anlage auf dem Friedhof in Narsaq

Diese Anlage ist nicht archäologisch ausgegraben – und wird es aller Voraussicht nach auch nicht werden. Wenn an dieser Stelle etwas ausgegraben wurde, dann stets nur beim gelegentlichen Ausheben neuer Gräber auf dem Friedhof.

Die Fundstelle liegt auf dem höchsten Punkt des Friedhofs. Die bisherigen Beobachtungen deuten auf eine Wohnanlage hin: So fand man Anzeichen für eine Feuerstelle sowie einen Kochtopf. Auch Webstuhl-Gewichte und ein Wetzstein wurden gefunden – es muss sich also um einen Aufenthaltsraum handeln.

 

Daniel Bruun hat den Ort 1894 besucht. Er entdeckte in der näheren Umgebung des Friedhofes Reste von 6 Wirtschaftsgebäuden oder Einfriedungen, und bemerkt außerdem, dass viele Gebäude des Handelspostens Nordprøven – also Narsaqs – aus Steinen der Ruinen errichtet sind.

 

Ø 18: Hof mit Kirche: evtl. Dyrnæs oder Hardsteinaberg

Die Kirche könnte die gleiche sein, die der Isländer Ivar Bårdsøn in seiner Grönlandbeschreibung von ca. 1350 erwähnt und als ”Dyrnæs” bezeichnet. Bårdsøns Bericht zufolge hatte Dyrnæs ”die größte Kirchgemeinde Grönlands”. Andere Quellen berichten von einer Gemeinde namens ”Hardsteinaberg”, deren Beschreibung auf diesen Ort ebenfalls passt.

 

Die Anlage ist nicht archäologisch ausgegraben, und deshalb kann nur die Funktion einzelner Ruinen bestimmt werden.

 

Knud J. Krogh hat allerdings festgestellt, dass eine Kirchenruine, die so eingestürzt ist wie diese, eine Kreuzkirche gewesen sein muss, also eine Kirche mit Chor und Schiff. Kirchen dieser Bauweise sind in Grönland vor allem im 13. Jahrhundert verbreitet.

 

In diesem Gebiet – in gebührendem Abstand von den Ruinen freilich – befand sich 1956-85 das Basislager für die geologische Erforschung des Ilimaassaq-Komplexes. Von hier aus wurden u.a. die Uranvorkommen im Kvanefjeld untersucht. Dieses Lager trug den Namen ”Dyrnæs-Lager”, und hauptsächlich deswegen hat sich im Volksmund diese Bezeichnung für die Gegend eingebürgert.

 

Hop til toppen

 

GEGENSTÄNDE

 
 

Der bei weitem größte Teil der gefundenen Gegenstände aus den Nordländerruinen befindet sich heute im Nationalmuseum in Kopenhagen. Es wird aber erwartet, dass davon ein nicht unbedeutender Teil an Grönland rücküberführt wird – und einige davon hoffentlich an diejenigen Kommunen, wo ihre Fundstätten liegen.

 

Hop til toppen

 

BEWAHRUNG

 
 

Ruinen sind historische Zeugnisse der Vergangenheit, und müssen als solche sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft bewahrt werden.

 

Sie sind ständigen zerstörerischen Einwirkungen ihrer unmittelbaren Umgebung ausgesetzt, sei es von Seiten der Natur (Frost, Küstenerosion, Bewuchs, Stürme u.a.), oder von Seiten der Besucher.

 

Es ist deshalb wichtig, die Ruinenanlagen zu respektieren, um ihnen keine Schäden zuzufügen und damit etwa ihre Zerstörung zu beschleunigen.

 

Da die Zeugnisse der Vergangenheit unter das Denkmalschutzgesetz fallen, ist ein solches Verhalten zudem strafbar. Es ist somit verboten, Ruinenbestandteile zu zerstören oder Teile davon zu entfernen.

 

ZEUGNISSE DER VERGANGENHEIT SIND UNSER GEMEINSAMES ERBE UND MÜSSEN GESCHÜTZT WERDEN !