DIE STADT NARSAQ IM 19. JAHRHUNDERT: DER HANDELSPOSTEN UND DIE ROBBENFÄNGER

 
 

Narsaq wurde 1830 als Handelsstation unter dem Namen ”Nordprøven” gegründet. Im Begründungsschreiben für die Errichtung einer Handelsstation an gerade dieser Stelle wird u.a. angeführt, dass hier gutes Baumaterial zu finden sei – nämlich in den vielen ”gamle norske rudera”, den Nordländerruinen in der Gegend. Auch die Hafenbedingungen waren für einen Handelsposten gut geeignet, da das Wasser in Ufernähe so tief war, dass Schiffe direkt am Strand anlegen konnten. In den ersten Gebäuden der Handelsstation ist heute das Museum untergebracht.

Der Handelsposten Narsaq war ein Außenposten der Kolonie Julianehåb (das heutige Qaqortoq), und seine Aufgabe bestand darin, den Robbenfängern ihre Produkte abzukaufen, in erster Linie Speck und Felle, und europäische Waren an sie zu verkaufen, besonders Kaffee, Zucker, Brot und Grieß.

Bevor der Handelsposten angelegt wurde, gab es an der Stelle keine grönländische Besiedelung. Der Grund dafür war, dass die Bucht am heutigen ”Alten Hafen” im Winter zufror, und man deshalb dort nicht mit Kajaks landen konnte. Die ersten Robbenfänger siedelten stattdessen bei ”Sarqanguaq” (’ebener Platz’). Die Gegend heißt noch immer so – und liegt zwischen Fabrik und Atlantikkai.

Die Siedlungen der Robbenfänger waren klein und verteilten sich weitläufig in der Umgebung. Damit waren auch die Fanggründe weitläufig verteilt, und der größtmögliche Fangradius für jede Siedlung garantiert. Die Jagd folgte einem festen jährlichen Turnus, der kurz zusammengefasst folgendermaßen aussah:

·        Januar bis März: Fang von Ringelrobben; kleineren Mengen Sattelrobben und Bartrobben. Viele Trottellummen; ab Februar Heilbutt und Haie.

·        April bis August: Klappmützen und Ringelrobben. Einige Eiderenten. Weniger Fischfang, aber viele Kapelane. Im Sommer – nach der Kapelanzeit, d.h. im Juni – siedelte man um auf die küstennahen Inseln, um die großen Wanderrobben zu jagen, Klappmützen und Sattelrobben, deren Felle für die Bezüge der Kajaks und Umiaks am besten geeignet waren. Das Fleisch dieser großen Robben wurde als Wintervorrat getrocknet, und der Speck in ”Speckbeuteln” gesammelt – einer ”ausgehöhlten” Robbe (also nicht aufgeschnitten. Das gesamte Fell der Robbe wurde so zu einem Beutel).

·        September bis Dezember: Nach der Heimkehr vom Robbenfang auf den Inseln wird Heu gesammelt, sowie auch Zweige zur Befeuerung der bereits Ende des 19. Jahrhunderts weithin gebräuchlichen Eisenöfen. Viel Heilbutt- und Dorschfang. Fuchs-, Hasen-, Schneehühner- und Trottellummenjagd. Fang von Kleinrobben.

In den Sommermonaten, wenn alle zum Robbenfang auf die küstennahen Inseln gezogen waren, standen die Siedlungen fast menschenleer. Nur die Alten und Witwen blieben zurück. Ihre Aufgabe war es, die Kapelane für den Winter zu trocknen. Ab und zu kamen Kajaks von den Jagdplätzen zu ihnen hinauf, und brachten frisches Fleisch und Speck.

Der Handelsposten Narsaq selbst wurde seit seiner Gründung stets als eine Art ”Bauernidyll” beschrieben – und das nicht ohne Grund. Kühe, Schafe und Hühner wurden hier gehalten – zum Eigenbedarf und zum Weiterverkauf. Etwas Gartenbau gab es ebenfalls, in erster Linie mit Kartoffeln und Rüben.

 

 

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DIE STADT NARSAQ IM 20. JAHRHUNDERT: EINE WACHSENDE STADT

 
 

Der Robbenfang war in Narsaq und Umgebung meist recht ertragreich gewesen, am Anfang des 20. Jahrhunderts setzte jedoch ein Rückgang ein. Die Robbenfänger waren nun gezwungen, ganz auf die Fischerei überzugehen, und die Handelsstation folgte dieser Entwicklung, indem sie sich auf den Ankauf von Fisch umstellte.

Eine Anlage zur Fischverarbeitung wurde 1914 in Narsaq errichtet. Sie befand sich dort, wo das heutige E-Werk liegt. Zunächst wurde hier Dorsch, später Heilbutt verarbeitet. Der Fisch wurde gereinigt und in Fässer eingesalzen für den Export.

Aus diesem Grund begannen mehr und mehr Menschen, aus den umliegenden Siedlungen nach Narsaq zu ziehen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten weniger als 100 Menschen hier vor Ort (1855: 18 in der Stadt, 73 insgesamt in den Siedlungen; 1870: 25 in der Stadt; 1894: 83; 1919: 162), um 1930 war die Zahl jedoch auf ca. 300 angewachsen.

 

In den fünfziger Jahren wächst die Stadt zusehends: 1952/53 wird in Narsaq die erste moderne Krabben- und Fischfabrik Südgrönlands errichtet. Gleich nebenan entsteht ein Lämmerschlachthof. Die Beschäftigung suchenden Menschen strömen daher in die Stadt, und gleichzeitig werden die letzten Siedlungen geschlossen, um der Fabrik die nötigen Arbeitskräfte zu sichern.

Mit dem Aufbau der Fabrik folgen E-Werk und Wasserwerk. Kindergarten und Schule kommen hinzu. Für die zahlreichen Neuankömmlinge müssen Unterkünfte gebaut werden, was wiederum neue Arbeitsplätze in die Stadt bringt – besonders für zugezogene Handwerker. Es hat ein Verstädterungsprozess eingesetzt, der an anderen Orten Grönlands ähnlich verlief, und deshalb beispielhaft für die moderne Geschichte dieses Landes ist.

 

 

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HISTORISCHE SEHENSWÜRDIGKEITEN IN DER STADT

 
 

·        Die Gebäude des Museums am alten Hafen im Louisevej, errichtet zwischen 1830 und 1928.

·        Henrik und Malene Lunds Wohnhaus, Henrik Lundsvej B-430.

·        Schulkapelle, heute Sitz der Kinder- und Kulturverwaltung von Narsaq Kommune. Zunächst 1907 am alten Hafen errichtet, aus Baumaterialien der abgerissenen Missionärswohnung in Qaqortoq (Julianehåb) von 1835. 1920 an den jetzigen Standort versetzt (Kirkevej B-84).

·        Kirche, errichtet 1926-27 von Zimmerermeister Pavia Høegh, Qaqortoq, nach eigener Zeichnung. Erweitert 1981. Der Friedhof stammt bereits aus der Zeit um 1833. Die Friedhofsmauer bestand ursprünglich aus Steinen der am selben Ort befindlichen Wikingerruine. Die jetzige Mauer stammt von 1953.

·        Die beiden Steinbauten B-440 und B-441 am Niels Bohrs Plads, errichtet im Jahre 1930, als das Bauen mit Stein in Südgrönland eine Renaissance erlebte.

·        Das ehemalige Wohnhaus des Handelspostenverwalters (heute Arztwohnung), errichtet 1936 von Pavia Høegh – Narsaqs einziges Haus mit Mansarddach (Josefsvej B-60).

Einige Sozial- und Verwaltungsgebäude der Stadt zeigen für sich genommen bereits die Entwicklungsgeschichte Narsaqs. Werfen Sie einmal einen Blick auf folgende Gebäude:

·        Das jetzige Polizeigebäude am Niels Bohrs Plads, das zwischen 1961 und 1975 Kämmererkontor war (d.h. Kommunalverwaltung), bis die Kommunalverwaltung in das jetzige Verwaltungsgebäude am Erik Egedes Plads umzog. Bemerkenswert die Größenverhältnisse dieser beiden Gebäude, die zu ein und demselben Zweck dienten.

·        Die Schulgebäude: Anfangs wurde in der oben genannten Schulkapelle unterrichtet, die 1920 vom alten Hafen in den Kirkevej versetzt wurde. 1954 wird in unmittelbarer Nähe ein neues Schulgebäude errichtet (Kirkevej B-146), das heute Werkstatt des NIS-Projekts ist (ein Beschäftigungsprojekt für Jugendliche). Es wird 1961 durch zwei weitere Schulbaracken ergänzt (B-265 und B-266), die seitlich davon platziert werden. Heute ist davon nur noch eine übrig; sie dient ebenfalls als Werkstatt des NIS-Projekts. Die heutige Schule wird 1967 gebaut, und in der Folge mehrfach erweitert.

 

 

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SIEDLUNGEN UND ORTSCHAFTEN

 
 

In Narsaq Kommune sind viele kleinere Orte im Laufe der Zeit besiedelt gewesen; manche wurden relativ schnell wieder aufgegeben, andere bestanden recht lange und hatten eine ganz stattliche Einwohnerzahl. Wenn man die Siedlungen aufgab, konnte das verschiedene Gründe haben: Hier wurde das Leben in der Gegend mit der Zeit zu schwierig; dort lockte die größere Stadt mit ihren Angeboten. Im 20. Jahrhundert wurden die Menschen auch umgesiedelt – mehr oder minder gegen ihren eigenen Willen. So erachtete man es 1953/54 für notwendig, die große Ansiedlung Niaqornaq am Nordufer des Ndr. Sermilik Fjordes aufzulösen. Man wollte damit der neuerrichteten Krabben- und Fischfabrik in Narsaq die erforderlichen Arbeitskräfte sichern.

Heute sind in der Kommune nur noch drei größere bewohnte Ortschaften übrig, nämlich die Dörfer Igaliku und Qassiarsuk mit ihren dazugehörigen Schafzüchtersiedlungen, und der internationale Flughafen Südgrönlands, Narsarsuaq.

Igaliku

Als grönländische Besiedlung – d.h. ohne die Zeit der Wikinger mitzuzählen – ist Igaliku die älteste der gegenwärtig bewohnten Ortschaften in der Kommune. Im Jahre 1782 ließ sich der norwegischstämmige Kaufmann Anders Olsen (gest. 1786) hier als Viehzüchter nieder, gemeinsam mit seiner grönländischen Frau Tuperna (gest. 1789) und ihren gemeinsamen Kindern. Seine Nachkommen, die den Familiennamen in „Egede“ änderten, führten neben Jagd und Fischfang die Viehzucht weiter. Im 20. Jahrhundert kam die Schafzucht hinzu, heute der wichtigste Erwerbszweig des Ortes.

Seit der Zeit Anders Olsens hat man in Igaliku als Baumaterial traditionell die Steine der Wikingerruinen verwendet.

Die heutige Ortschaft Igaliku liegt genau dort, wo im Mittelalter die bischöfliche Residenz der grönländischen Wikinger, Gardar, gelegen hat. Die Grundmauern des Doms und zahlreiche weitere Ruinen aus der Wikingerzeit sind ausgegraben und können besichtigt werden.

Qassiarsuk

Die Ortschaft war von Anfang an eine Schafzüchtersiedlung; als erster ließ sich hier Otto Frederiksen 1924 als Schafzüchter und Landwirt nieder. Seine Familie führte die Schafzucht als selbstständiges Gewerbe fort, und weitere Familien siedelten sich an.

In Tasiusaq am Ndr. Sermilik Fjord wird von einem Zweig der Familie Frederiksen ebenfalls Schafzucht betrieben.

Die heutige Ortschaft Qassiarsuk liegt an der gleichen Stelle, wo Erik der Rote – der erste Wikinger auf Grönland den isländischen Sagas zufolge – am Ende des 10. Jahrhunderts seine Siedlung Brattahlid gründete. Die gerade christianisierten Wikinger errichteten damals an dieser Stelle eine kleine Holzkirche, von der im Jahre 1999 eine originalgetreue Rekonstruktion gebaut wurde. Die Tjodhildenkirche soll im Laufe der nächsten Jahrzehnte ein Wallfahrtsort für Christen aus aller Welt werden.

Narsarsuaq

Die Geschichte Narsarsuaqs, der jüngsten Ortschaft in Narsaq Kommune, beginnt im Jahre 1941, als an diesem Ort die erste amerikanische Airbase auf Grönland errichtet wird, die den Codenamen „Bluie West 1“ erhält. Der Stützpunkt ist im 2. Weltkrieg strategisch bedeutsam, da hier amerikanische Flugzeuge auf dem Weg zu ihren Einsatzorten in Europa zwischenlanden. Anschließend, während des Koreakrieges 1950-53, sollen im Lazarett des Stützpunktes verwundete Soldaten von dieser Front behandelt worden sein. Das ist allerdings von offizieller Seite nie bestätigt oder dementiert worden.

Die Amerikaner räumten Narsarsuaq 1958, woraufhin Stützpunkt und Flugfeld aufgegeben wurden. Als im Januar des folgenden Jahres jedoch das dänische Passagierschiff „Hans Hedtoft“ bei Kap Farvel mit einem Eisberg kollidierte und unterging, öffnete man Narsarsuaq wieder. Nun wurde hier ein Stützpunkt für regelmäßige Aufklärungsflüge über den Gewässern um Südgrönland eingerichtet, der den Schiffsverkehr fortan mit aktuellen Eiswarnungen versorgen konnte. In der Mitte der sechziger Jahre kam auch die zivile Luftfahrt nach Narsarsuaq, da der Süden Grönlands auf Grund der wachsenden Anzahl Fluggäste mittlerweile einen eigenen Flughafen benötigte.

Der größte Arbeitgeber in Narsarsuaq ist nach wie vor der Flughafen mit allen daran angeschlossenen Dienstleistungsbetrieben.

 

 

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